Keynote Vorträge und Workshops 2021

Keynote Almut Küppers:

Klimakrise in der Bildung – oder: Warum dieser Titel ganz ohne Digitalisierung auskommt, aber auf die Dringlichkeit performativer Bildungsprozesse verweist.

Ein kleiner Virus bewirkt eine gesellschaftliche Vollbremsung und katapultiert dabei die Schulen (zumeist unfreiwillig) in die virtuellen Realitäten des 21. Jahrhunderts. Durch den erzwungenen gesellschaftlichen Stillstand werden innerhalb kürzester Zeit nahezu alle Bereiche menschlichen Zusammenlebens digital überformt. So erleb(t)en wir etwa 10.000 Jahre nach der Sesshaftwerdung der Menschheit eine zweite, z.T. viel radikalere „Sesshaftwerdung“ vor Bildschirmen und Computern. Technologischer Wandel, drohende gesellschaftliche Zäsuren und Krisen werfen uns stets zurück auf das Wesentliche, auf die zentrale Frage des Seins und Menschseins: wie wollen wir leben? Technologien sind dabei nie deterministisch, sondern stehen im Dienste der Ideologien, die sie nutzen. So wie die Dampflok auf den ersten Gleisen im 19. Jahrhundert gleichzeitig in den Kommunismus und in den Kapitalismus rollte, so stehen wir derzeit vor der Frage, wohin wollen wir mit der allseits beschworenen Digitalisierung? Wohin wollen wir mit Crispr? Wohin wollen wir mit Alexa? Wohin wollen wir mit künstlicher Intelligenz und selbstlernenden Algorithmen?

Inspiriert durch die Fragen des Zukunftshistorikers Yuval Noah Harari (2018) schließe ich mich der These Ken Robinsons an, dass wir es nicht nur im planetaren Kontext mit einer Klimakrise zu tun haben, sondern auch im Bildungsbereich (vgl. Küppers 2021). Beide Klimakrisen haben dabei dieselben neoliberalen Wurzeln und in beiden Fällen handelt es sich um eine Verschwendung von Ressourcen. Während Biodiversität und die natürlichen Ressourcen der Erde einem rasanten Bevölkerungswachstum und einer Wirtschaftsideologie weichen, die sich beharrlich am endlosen Wachstum orientiert, werden die Ressourcen junger Menschen verschwendet, weil sie ihre Potenziale in den Schulen nicht entfalten können: Wie / kann man nachfolgende Generationen in Schulgebäuden aus dem 19. Jahrhundert mit Methoden aus dem 20. Jahrhundert auf eine sich rasant verändernde und komplexer werdende Zukunft im 21. Jahrhundert vorbereiten? Dabei sind es die kreativen Ressourcen junger Menschen, die für die Bewältigung der anstehenden gesellschaftlichen Transformationsprozesse so dringend benötigt werden. Ausgehend von den Grundprinzipien guter Bildung,  die online und offline identisch sind – Arbeit in guten Beziehungen – werde ich versuchen herauszuarbeiten, welchen Rolle performative Lernprozesse im Kontext von technologischem Wandel, Nachhaltigkeit, postmigrantischer Vielfalt und Chancenungleichheit spielen / sollten. Theoretisch gerahmt wird dieser Versuch durch den Ansatz Bildung 4.0 und Otto Scharmers (2018) Theory U, womit ein Systemwandel von Ego- zu Eco-Awareness propagiert und fundiert wird.

Literatur

Harari, Yuval Noah (2018), 21 Lessons for the 21st Century. London: Jonathan Cape

Küppers, Almut (im Erscheinen): Sprachenlernen in der postmigrantischen Gesellschaft. Oder: Braucht eine offene Gesellschaft ein offenes Fremdsprachencurriculum? In: Welche Zielsetzungen sind für Französisch, Spanisch, Russisch & Co. (noch) zeitgemäß? Perspektiven der weiteren Schulfremdsprachen im Zeitalter von Global English und Digitalisierung, hg. v. Anka Bergmann, Christoph O. Mayer & Jochen Plikat. Berlin: Peter Lang.

Scharmer, Otto (2018), The Essentials of Theory U. Core Principles and Applications. Oakland: Berrett-Koehler

Workshop
Wer macht das Rennen? Rassismuskritisches Lernen im Dramaprozess

Während die Keynote das Big picture liefert, heißt es im Workshop: zooming in! Im Narrativ der postmigrantischen Gesellschaft rücken die nationalen Schulsysteme ins Blickfeld für nachträgliche Anpassungen an die Realitäten der Einwanderungsgesellschaft. Viele Schulen sind mittlerweile im Aufbruch. Bei der Neuausrichtung der Bildung spielen auch rassismuskritische Ansätze eine wichtige Rolle. Im Online-Workshop werden wir ausgewählte lebensweltliche Erfahrungen dramapädagogisch produktiv machen, die für viele Kinder und Jugendliche in einem auf Konformität ausgerichteten Bildungssystem verstärkt werden: Alltagsrassismen – und damit verbunden color blindness, white fragility, white privilege… Für die Teilnahme ist ein Chrome-Browser empfehlenswert und selbstverständlich auch die notwendige Portion willing suspension of disbelief.

Bionote

Almut Küppers arbeitet an der Goethe-Universität in Frankfurt in der Sprachlehrforschung und Didaktik des Englischen. Ihre erste Begegnung mit der Dramapädagogik hatte sie in einem (imaginierten) Schützengraben in Flandern während des 1. Weltkriegs – als sie in Birmingham / UK ihr PGCE absolvierte. Seitdem sind performative Ansätze Inhalt und Mittel in ihren universitären Lehrveranstaltungen der grundständigen Lehrkräfteausbildung. Ihre Interessen liegen in den Schnittmengen von sprachlicher Bildung und Identitätsentwicklung, daher hat sie sowohl die Mikroebene des Unterrichts als auch die Makroebene (Schule, Bildungssystem, Policy) im Blick. Sie ist Fulbright- und Mercator-Alumna und hat viele Jahre im Ausland gelebt (UK, USA, Türkei). In ihrem aktuellen Schulentwicklungs-Projekt widmet sie sich der Mehrsprachigkeit aus der Perspektive der Migrations-, Ungleichheits-, und Nachhaltigkeitsforschung und nutzt dazu performative sowie digitale Lehr- und Lernformen (cf. https://uni-frankfurt.academia.edu/AlmutKüppers )

Keynote (auf Englisch) von Carole Miller und Juliana Saxton: Drama – The critical capacity to be a reader and writer of the world through the embodiment of self as other

Vor fast einem halben Jahrhundert erkannte Gavin Bolton (1984) die Kraft des verkörperten Erzählens, als er dafür plädierte, das Drama in den Mittelpunkt des Lehrplans zu stellen. Anstatt Lese- und Schreibpraktiken als von ihrem Leben losgelöst zu betrachten, nutzen die Schüler im Theater ihre Lese- und Schreibfähigkeiten beim Einstudieren von Lebenssituationen, die ihre Teilnahme erfordern. Da es vielfältige Möglichkeiten des Lernens, Erlebens und Erforschens durch Rollen und Handlungen bietet, ist Drama für eine Vielzahl von Lernenden zugänglich. Die Verwendung von Theaterstrategien, um Geschichten zu inszenieren, verbindet alle Arten von Lese- und Schreibfähigkeiten und integriert den Lehrplan auf eine Weise, die die Selbstwirksamkeit und die Selbstidentität der Schüler entwickelt. Eine solch reichhaltige Pädagogik ist unserer Meinung nach entscheidend für die Entwicklung der ganzen Person und damit auch für die weitere Entwicklung gesunder, gebildeter und demokratischer Gesellschaften.

Workshop (auf Englisch): Mary Ellery – Packing for a journey into an imaginative space

Inhalt
In diesem Workshop wird eine sehr, sehr kurze Geschichte erforscht, die sich mit der Frage beschäftigt, warum jemand aus der Geschichte verschwinden könnte. Er ist so angelegt, dass eine Geschichte entsteht, die der ganzen Gruppe gehört, und in dieser Entfaltung erkunden wir einige erste Strategien als Möglichkeit, die Kraft der kollektiven Vorstellungskraft anzuzapfen.

Grundprinzip
Da es in fast allen Geschichten um Beziehungen geht, „setzt das Verstehen von Geschichten ein Verständnis der Menschen voraus und wie ihre Ziele, Überzeugungen und Emotionen dazu beitragen, ihr Verhalten zu konstruieren“ (Mar et al, 2006, S. 696). Durch metaphorische Akte der Vorstellungskraft schaffen wir innere Modelle, die zu einem erhöhten sozialen und empathischen Bewusstsein führen können. Die Teilnehmer werden zu aktiven Textschöpfern und -interpreten und entwickeln ein soziales Verantwortungsgefühl, das für die Ausübung der Demokratie grundlegend ist.

Literatur

Mar, R., Oatley, K., Hirsh, J., Dela Paz, J., Peterson, B. (2006). Bookworms versus nerds: Exposure to fiction versus non-fiction, divergent associations with social ability, and the simulation of fictional social worlds. Journal of Research in Personality, 40(5), S. 694-712.

 

Kurzbiographien

Carole Miller ist emeritierte Professorin an der University of Victoria, wo sie weiterhin als Mentorin für Studenten im Vorbereitungsdienst tätig ist und Pädagogik erforscht, die kompetente und souveräne Theaterpädagogen im Klassenzimmer hervorbringt. Ihre gemeinsamen Studien mit Juliana Saxton konzentrieren sich auf forschungsbasierten Unterricht, angewandtes Theater und Drama in Education. Ihr neuester Text (2018), Asking Better Questions: Lehren und Lernen für eine sich verändernde Welt (3. Aufl.) mit Joanne O’Mara und Linda Laidlaw, ermutigt Lehrer und Moderatoren, die Teilnehmer herauszufordern, eine tiefere Verantwortung für ihr Lernen zu übernehmen. Zusammen mit Saxton ist sie Co-Autorin des preisgekrönten Buches Into the Story: Language in Action through Drama von der American Alliance of Theatre and Education und Into the Story 2: More Stories! Mehr Drama! Miller hat einen Excellence in Teaching Award erhalten und wurde kürzlich mit einem Lifetime Achievement Award des Journal of Applied Arts and Health (2019) geehrt. Es war eine lebenslange Entdeckungsreise, die sich mit dem Potenzial der Künste beschäftigte, Lernende auf unzählige Arten zu beeinflussen.

Juliana Saxton ist nach einer frühen Karriere in Theater, Fernsehen und Film heute emeritierte Professorin für Drama/Theater in der Ausbildung und Angewandtes Theater in der Abteilung für Theater an der University of Victoria. Sie wurde als Teacher of Excellence ausgezeichnet und erhielt drei Distinguished Book Awards von der American Alliance of Theatre and Education, die ihr auch den Campton Bell Lifetime Achievement Award verlieh. Ihre jüngste Veröffentlichung ist Asking Better Questions: Teaching and Learning for a Changing World (2018, 3. Aufl.), und sie arbeitet derzeit an der Aktualisierung der 2. Auflage von Applied Theatre: International Case Studies and Challenges for Practice mit Monica Prendergast und Yasmine Kandil. Im Jahr 2013 verlieh ihr die Canadian Association for Theatre Research die Ehrenmitgliedschaft. Sie hat festgestellt, dass das Alter zwar Spuren hinterlässt, aber ihre Mitstreiter erlauben es ihr, ein Leben von unendlicher Vielfalt mit viel Freude weiterzuführen.

Texte zu Carol Miller&Juliana Saxton übersetzt mit www.DeepL.com/Translator (kostenlose Version)